Die Tellkamp-Sachen

Schleswiger Nachrichten – Kultur vom 28.03.2018

Die Tellkamp-Sachen - Der Eckernförder Verleger Jens Uwe Jess landet nach den umstrittenen Zuwanderungs-Äußerungen des Autors mitten im Sturm der Entrüstung

Eckernförde | Etwas war geschehen während seiner Abwesenheit, das wusste Jens Uwe Jess sofort. Er war gerade aus dem irischen Dublin ins ländliche Eichthal nahe Eckernförde zurückgekehrt und hatte sein Mail-Postfach geöffnet: Darin waren ungewöhnlich viele neue Nachrichten, teilweise mit grenzwertigem Inhalt. „Der Mann soll keine Bücher schreiben, sondern zur Waffe greifen“, hieß es etwa in einer Mail.

Der Mann war Uwe Tellkamp und er hatte nicht zur Waffe gegriffen, sondern in Dresden während einer Podiumsdiskussion behauptet, dass über 95 Prozent der Flüchtlinge nach Deutschland kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Darüber hinaus hatte der Schriftsteller, der 2008 mit dem „Turm“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, noch einen „Gesinnungskorridor“ ausgemacht, in dem Meinungen wie seine nicht erwünscht seien. Aussagen, die wie Bomben im deutschen Literaturbetrieb einschlugen.

Jess war nicht nur unangenehm überrascht von Tellkamps Aussagen, er wollte ihn eigentlich eine gute Woche später im Norden begrüßen, für eine kurze Lesereise mit Stationen in Schleswig, Kiel, Lübeck und Hamburg. „Nach seinen Äußerungen bestand allerdings die Gefahr, dass die Lesungen von Kräften missbraucht werden könnten, die nicht an der Literatur interessiert sind“, sagt Jess, der mit Tellkamp zwei Bücher in seinem Verlag Edition Eichthal herausgebracht hat: „Die Uhr“ und, ganz aktuell: „Die Carus-Sachen“.

Der Verleger sitzt in seinem Wohnzimmer im idyllischen Eichthal und versucht zu erklären, was da in den vergangenen zwei Wochen passiert ist. Das öffentliche Interesse hat sich von den „Carus-Sachen“ zu den Tellkamp-Sachen verschoben. Jess hat sich einige Artikel ausgedruckt und ein paar Notizen gemacht. „Es war eine nervenaufreibende Zeit, ich habe irgendwann zu meiner Frau gesagt: Komm, es reicht, wir hauen ab!“

Das war natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber man sieht dem Verleger an, wie aufgewühlt er immer noch wegen dieser Sache ist. Plötzlich war sein kleiner Verlag, den er voller Herzblut betreibt, deutschlandweit in aller Munde, denn seit dem „Turm“ hat Tellkamp fast nur noch bei Jess in Eckernförde publiziert. Und Tellkamps Hausverlag Suhrkamp hatte sich darüber hinaus sofort von den Aussagen seines Autors distanziert.

Jess schrieb daraufhin eine Mail an Tellkamp: „Ich werde mich nicht von meinem Autor distanzieren, auch wenn ich die eine oder andere Ihrer Meinungen so nicht teile.“ Auch die Lesungen wollte der Verleger trotz seiner Bedenken wie geplant stattfinden lassen, aber Tellkamp sah sich dazu nicht mehr in der Lage.

Seitdem ist es ruhig geworden um den Schriftsteller, der sich missverstanden fühlt. Angeblich wird Tellkamp demnächst einen Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichen, in dem er zu seinen Aussagen und den Auswirkungen Stellung bezieht. „Ich rate jedem, Tellkamp diese Chance zu geben, denn er ist ein hochintelligenter Mensch, dem man zuhören sollte, auch wenn er Fehler gemacht hat“, empfiehlt Jess. Er findet auch, dass die Deutschen dringend und vor allem sachlich darüber diskutieren müssen, was für ein Land sie künftig sein wollen: „Ein offenes oder eines, das sich abschottet.“

Diese Diskussion, das ist dem bekennenden Europa-Freund Jess wichtig, müsse ehrlich geführt werden: „Wir sollten die Ängste der Menschen vor Zuwanderung ernst nehmen, sonst fördern wir den Extremismus.“ Für den Verleger Jess, der seit dem Eklat Hunderte Tellkamp-Bücher verkauft hat, hat die Geschichte aber auch noch eine zweite Ebene – er ist wie Tellkamp in Dresden geboren, in der Stadt also, in der die Pegida-Bewegung beheimatet ist und die Podiumsdiskussion mit den umstrittenen Tellkamp-Äußerungen stattfand. „Die Dresdner Seele ist mir fremd geworden, dieser ewige Blick ins Gestern, wo vermeintlich alles besser war, liegt mir persönlich nicht“, sagt er.

Jess begegnet diesem Phänomen auf seine Art, er will daraus ein Buchprojekt machen, mit dem Titel „Dresden als geistige Lebensform“. Der Autor steht noch nicht fest. Nur eines ist sicher: Uwe Tellkamp wird es nicht. Martin Schulte

Dem Schriftsteller Tellkamp seit Jahren verbunden: Verleger Jens Uwe Jess in seinem Verlags-Büro.

Foto: schulte

 

 

 

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