Lesung Doris Runge

Schleswiger Nachrichten vom 21.11.2016

Einfühlsame Zeilen mit doppeltem Sinn

Schleswig | Bevor die Lyrikerin Doris Runge am Freitagabend mit ihrer Lesung in der Stadtbücherei begann, erzählte sie – sichtlich bewegt von ihrer Erinnerung – über die Flucht der Familie aus dem Ostsektor von Berlin in den Westteil 1953. Sie selbst saß als Zehnjährige, am ganzen Leibe zitternd, in der S-Bahn, als der Schaffner sie mit den Worten zu beruhigen versuchte „Mädchen, vor mir brauchst Du keine Angst zu haben“. Bald darauf kam sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Schleswig-Holstein, wo sie in Oldenburg/Holstein und in Lübeck die Schule besuchte. Später verbrachte mit ihrem ersten Ehemann, dem Maler Jürgen Runge, einige Jahre auf Ibiza, bevor sie wieder nach Schleswig-Holstein zurückkehrte. Im „Weißen Haus“ neben der mittelalterlichen Klosterkirche in Cismar veranstaltet sie bereits seit vielen Jahren als Vorsitzende des Vereins „Literatur im Weißen Haus“ Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

Ihre Lesung in Schleswig auf Einladung des Bücherei-Fördervereins Alibris eröffnete sie vor 40 Besuchern nicht mit Gedichten, sondern mit dem Prosatext „Das Märchen vom Ukleisee“, das sie für einen Katalog mit Werken des Malers Klaus Fußmann nacherzählt hat. Danach las sie zahlreiche ihrer zumeist kurzen, interpunktionslosen Gedichte vor, jeweils zweimal nacheinander, damit der häufig doppelte Sinn des Textes aufgenommen werden konnte. Angeregt von Phänomen der Natur, eigenen Erlebnissen wie zum Beispiel schmerzlichen Verlusten, aber auch sehr positiven Gefühlen wie Zuneigung und Liebe, ließen ihre Gedichtzeilen eine Vielzahl von teilweise tief berührenden Assoziationsmöglichkeiten zu.

Im zweiten Teil der der Veranstaltung las Doris Runge einfühlsame Texte vor, die sie zu Kunstwerken von expressionistischen Malern wie Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde geschrieben hat, aber auch zu dem großformatigen Gemälde des bekannten Künstlers Friedel Anderson mit dem Titel „Kein Land in Sicht“. Die Gedichte des zweiten Teils erinnerten häufig an die Vergänglichkeit allen Lebens und auch explizit an erdachte Begegnungen wie den einst in Cismar lebenden Mönchen mit dem Tod. acr

 

Die Lyrikerin Doris Runge las in der Stadtbücherei. Foto: klockow

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