Lesung Susanne Meyerhoff

Schleswiger Nachrichten vom 23.11.2015

Susanne Meyerhoff – Botschafterin ihres Sohnes

Schleswig Am liebsten wollte man sie gar nicht gehen lassen. Wollte, dass sie Kapitel für Kapitel weiter liest, mit ihrer ruhigen klaren Stimme und der bühnenreifen Aussprache, bei der jede Betonung Sinn macht. Susanne Meyerhoff hatte schon fast zwei Stunden aus dem neuen allgemein hochgelobten Roman ihres Sohnes Joachim („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“) vorgelesen, als 130 Zuhörer in der Stadtbücherei noch ganz gefangen auf ihren Stühlen sitzenblieben und sie erwartungsvoll anschauten. „Na dann“, sagte sie lächelnd, „lese ich noch ein bisschen weiter. Vielleicht sagen Sie einfach Bescheid, wenn Sie müde werden.“ Tatsächlich aber hätte man bis zum Ende eine Stecknadel fallen hören können, so aufmerksam, manchmal auch sehr erheitert, lauschten die Zuhörer. Und bisweilen lachte die ganze Lesungs-Gemeinde laut auf, wenn es in Joachim Meyerhoffs Roman, in dem der Autor als Ich-Erzähler auftritt, ins Skurrile überglitt. Die Lesung wurde gemeinsam veranstaltet von der Buchhandlung Liesegang und dem Förderverein der Stadtbücherei.

Eine bessere Botschafterin für seine Romane als Mutter Susanne könnte sich Joachim Meyerhoff (48) wohl nicht wünschen. Der vielbeschäftigte Buchautor gilt gleichzeitig als Star des deutschsprachigen Theaters. Er ist Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters wie auch des Hamburger Schauspielhauses. Dass der vielbeschäftigte Mann öffentliche Auftritte in Schleswig eher meidet, hat einen Grund. „Hier ist mir alles zu nah“, verriet er kürzlich im SN-Freitagsinterview. Denn Meyerhoff ist in dieser Stadt aufgewachsen – als Sohn des 1993 verstorbenen Psychiatrie-Direktors Professor Hermann Meyerhoff, in einer Dienstvilla mitten auf dem Hesterberg. Über seine Eindrücke aus dieser Zeit, die auch davon geprägt sind, dass Familientragödien sein junges Leben beschatten – sein Bruder starb bei einem Verkehrsunfall, sein Vater erlag einige Jahre später einem Krebsleiden –, hat er seine beiden ersten Bücher verfasst. Sie wurden Bestseller.

In seinem neuen Roman geht es nun um sein Martyrium als junger Schauspielschüler in München, bei dem er selbst an seinem Talent zweifelt, aber mit ihm auch Lehrer und Mitschüler. Eine ihm unsympathische, mit starkem ungarischem Akzent sprechende Schauspiellehrerin attestiert ihm gar: „Du bist eine große Haufe Ungeschicklichkäät.“ Wie urkomisch und auch schonungslos sich selbst gegenüber Meyerhoff Dinge schildert, wobei auch seine geliebten und unkonventionellen Großeltern in München eine große Rolle spielen – das fesselte erkennbar die Zuhörer in der Stadtbücherei.

Und als Susanne Meyerhoff das Kapitel vorlas, in dem Sohn Joachim ebenso spannend wie zu Herzen gehend beschreibt, wie und warum er unbedingt einen großen Bildband in einer Münchner Buchhandlung „nicht kaufen, sondern klauen“ muss -– da geht die Zuhörerschaft regelrecht mit. Einer fragt anschließend: „Stimmt denn das wirklich, hat er den Band geklaut?“ Dazu Mutter Susanne, mit einem leicht hintergründigen Lächeln: „Ich weiß es nicht.“ Dichtung und Wahrheit ergänzen sich eben in dem Roman auf faszinierende Weise. Und auch Schleswig hat dabei noch seinen kurzen Auftritt.

Frauke Bühmann

Susanne Meyerhoff (li.) hat für ihre Lesung kein Honorar genommen. So freute sich Anke Carstens-Richter als Vorsitzende des 70 Mitglieder starken „Alibris“-Fördervereins der Stadtbücherei, dass die Eintrittsgelder einer Anschaffung für die Bücherei dienen.

Foto: fbü

 

 

 

 

 

Zurück zu ALIBRIS - Presseberichte